Warum dein Kind nicht faul ist, sondern erschöpft
Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie wirken beim Lernen oft unkonzentriert, faul oder schnell frustriert. Doch häufig steckt dahinter keine fehlende Motivation, sondern ein Gehirn, das für Lesen, Schreiben oder Rechnen deutlich mehr Energie aufbringen muss. Erfahre, warum Lernen so viel Kraft kosten kann und wie Unterstützung aussehen kann, die wirklich hilft.
Nicht jedes Gehirn ist für das gleiche System gemacht
Legasthenie und Dyskalkulie werden häufig nur über Defizite betrachtet. Dabei spielen auch Lernbedingungen, Wahrnehmung und individuelle Denkweisen eine zentrale Rolle. Erfahre, warum Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben oder Rechnen oft nicht aus mangelnder Fähigkeit entstehen – sondern aus Bedingungen, die nicht passend sind.
Warum fällt Lesen, Schreiben oder Rechnen manchen Menschen so schwer?
Erfahre, welche Ursachen hinter Legasthenie und Dyskalkulie stehen können – und warum Entwicklung trotzdem möglich ist.
Mein Kind liest langsam – ist das Legasthenie?
Erfahre, wann langsames Lesen Teil der Entwicklung ist und wann es auf Legasthenie hinweisen kann - mit verständlichen Hintergründen und konkreten Impulsen.
Nicht jedes Gehirn ist für das gleiche System gemacht
Legasthenie und Dyskalkulie verstehen
Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Legasthenie oder Dyskalkulie erleben irgendwann Selbstzweifel – obwohl oft nicht sie das Problem sind, sondern Lernwege, die nicht zu ihrer Art des Denkens passen.
In diesem Video erfährst du, was Neurodiversität bedeutet, warum Lernen häufig missverstanden wird und weshalb ein neuer Blick auf Legasthenie und Dyskalkulie so wichtig ist.
Denn anders zu sein bedeutet nicht, falsch zu sein.
Manchmal ist Lesen leichter als Zuhören – hier findest du das Video in Textform
Viele Kinder und Erwachsene mit Legasthenie oder Dyskalkulie erleben: „Ich bin schlecht im Lesen“, „Ich verstehe Mathe einfach nicht“, „Ich übe und es bringt einfach nichts“. Sie kommen häufig irgendwann an einen Punkt, an dem sie beginnen, an sich selbst zu zweifeln. Und ganz oft entsteht daraus der Gedanke: "Mit mir stimmt irgendetwas nicht.“
Doch genau hier lohnt es sich, einmal innezuhalten und die Perspektive zu wechseln. Denn vielleicht geht es gar nicht darum, dass jemand nicht kann – sondern darum, dass die Art, wie gelernt wird, nicht zu der Art passt, wie dieses Gehirn funktioniert.
Genauso wie es eine Vielfalt an Menschen gibt, gibt es auch eine Vielfalt an Gehirnen. Und genau das beschreibt der Begriff Neurodiversität. Wenn wir von Neurodiversität sprechen, gehen wir davon aus, dass es ganz natürliche Unterschiede darin gibt, wie Menschen denken, lernen und die Welt wahrnehmen. So haben Menschen mit Legasthenie oder Dyskalkulie unterschiedliche Arten, Sprache oder Zahlen zu verarbeiten. Und entscheidend ist: Diese Unterschiede sind keine Fehler im System – sie sind Teil menschlicher Vielfalt.
Je nachdem, wie wir auf diese Unterschiede schauen, verändert sich unser Umgang mit ihnen. Im klassischen, medizinischen Modell liegt der Fokus vor allem auf dem, was nicht funktioniert. Es wird in der Regel geschaut: Wo weicht jemand von der Norm ab? Welche Fehler passieren? Was muss verbessert werden? Dieser Ansatz impliziert, dass die Verantwortung ausschließlich bei der betroffenen Person liegt. Es wird davon ausgegangen, dass ein bestimmter Bereich – wie Lesen oder Rechnen – nicht ausreichend funktioniert und gezielt trainiert werden muss. Das soziale Modell setzt an einer anderen Stelle an. Es fragt nicht: Was stimmt nicht mit der betroffenen Person? sondern: Was passt hier nicht zusammen? Im Rahmen des sozialen Modells würden wir also prüfen: Passt die Lernmethode zu diesem Gehirn? Passt die Umgebung? Passt das Tempo? Und damit verschiebt sich der Fokus: weg von der Frage, wie man das Kind anpasst – hin zu der Frage, wie man das Lernen an das Kind anpasst. Beide Perspektiven haben ihre Daseinsberechtigung. Während uns das medizinische Modell im Hinblick auf die Diagnostik und den Anspruch auf Unterstützungsleistungen hilft, unterstützt uns das soziale Modell dabei, aus bekannten Mustern auszubrechen und den individuellen Selbstwert zu steigern.
Bei Legasthenie geht es also nicht darum, dass ein Kind nicht intelligent ist oder sich nicht genug anstrengt. Sondern darum, dass die Verarbeitung von Sprache – also das Zusammenspiel von Lauten und Buchstaben – anders funktioniert. Die Betroffenen können zum Beispiel häufig nur sehr langsam und stockend einen Text lesen, und den Sinn oft nicht erfassen, aber oftmals den Inhalt verstehen, wenn der Text vorgelesen wird. Das bedeutet also: Das Denken funktioniert – nur der Zugang zur Schrift ist ein anderer. Viele der Betroffenen denken sehr visuell und ganzheitlich. Sie erfassen Inhalte oft schneller über Bilder oder Zusammenhänge als über einzelne Wörter. Bei der Begleitung und Unterstützung geht es demnach nicht darum, die Betroffenen immer wieder durch den gleichen Leseprozess zu schicken – sondern alternative Zugänge zu schaffen. So können wir beispielsweise mit Bildern, Farben und Strukturen arbeiten, Mindmaps nutzen statt Fließtext, Sprache hören und sprechen kombinieren, Texte gemeinsam erschließen statt alleine lesen zu lassen. Das Ziel ist nicht, Lesen zu vermeiden – sondern einen Zugang zu schaffen, der das Denken unterstützt, statt es zu blockieren.
Ähnlich ist es bei der Dyskalkulie – nur dass es hier um Zahlen geht. Zahlen bleiben für viele Betroffene lange abstrakt und es entsteht kein intuitives Gefühl für Mengen oder Beziehungen. So muss eine Aufgabe wie 7 + 5 oftmals jedes Mal neu gezählt werden, weil sich kein stabiles inneres Zahlensystem aufgebaut hat. Gleichzeitig sind viele Betroffene sprachlich stark, sehr kreativ oder gut darin, Zusammenhänge zu verstehen – nur eben nicht über Zahlen allein. Es braucht also keine noch abstrakteren Übungen – sondern mehr Konkretheit. Wir können beispielsweise Zahlen legen, bewegen und sichtbar machen, Rechnen in Alltagssituationen einbetten und visuelle Darstellungen nutzen. Wichtig ist häufig, dass Zahlen nicht nur verstanden, sondern erlebt werden.
Ein weiterer Aspekt, der beim Lernen oft übersehen wird, ist nämlich die Wahrnehmung selbst. Viele neurodivergente Kinder und Erwachsene nehmen ihre Umwelt anders wahr. Oft intensiver, manchmal aber auch abgeschwächt. Das bedeutet: Reize werden anders verarbeitet. Wir unterscheiden dabei häufig zwei Formen: Von Hypersensibilität sprechen wir immer dann, wenn Reize sehr stark wahrgenommen werden, was oft zu schneller Überforderung führt. Bei Hyposensibilität werden Reize hingegen weniger stark wahrgenommen, wodurch oftmals das Bedürfnis nach mehr Input wächst.
Unterschiede können sich in all unseren Wahrnehmungsbereichen zeigen. Im Hinblick auf die visuelle Wahrnehmung, das Sehen, können Menschen beispielsweise empfindlich gegenüber hellem Licht, flackernden Lampen oder visueller Unordnung sein. Ein unruhiges Klassenzimmer kann dadurch extrem anstrengend sein. Bezüglich der auditiven Wahrnehmung, dem Hören, werden Geräusche ggf. intensiver wahrgenommen oder nur schwer ausgeblendet, Hintergrundgeräusche können also unter Umständen nicht einfach ausgefiltert werden und zu Überforderung führen. Was die taktile Wahrnehmung, unser Tasten, betrifft, können Personen empfindlich gegenüber Kleidung oder Berührungen sein. So kann ein kratzendes Etikett im Zweifel die ganze Aufmerksamkeit binden. Darüber hinaus zeigen Personen eventuell starke Reaktionen auf Gerüche (olfaktorische Wahrnehmung) oder starke Vorlieben bzw. Abneigungen gegenüber Essen (gustatorische Wahrnehmung). Auch das Gefühl für den eigenen Körper und die Kraftdosierung (Körperwahrnehmung) kann sich unterscheiden (Bedürfnis nach Druck etc.), genauso wie das Bedürfnis nach Bewegung, Schaukeln, Drehen etc.
Und all diese Wahrnehmungsbereiche wirken direkt auf unsere Konzentration, unser Lernen und unsere Emotionen. Ein Kind, das überfordert wirkt oder sich nicht konzentrieren kann, reagiert also oft nicht auf den Inhalt – sondern auf die Menge an Reizen. Das Verhalten ist oft nicht das Problem – sondern einfach ein Ausdruck davon, wie das Nervensystem gerade mit Reizen umgeht.
Wenn wir all das zusammennehmen, wird deutlich, wie schnell ein negatives Selbstbild entstehen kann. Es geht also darum, die Perspektive zu verändern – weg von Bewertung, hin zu Verständnis. Aus „du bist zu langsam“ darf „du bist sehr gründlich“ werden, aus „du machst zu viele Fehler“ darf „du bist noch im Lernprozess“ werden, aus „du versteht es nicht“ darf „du brauchst einen anderen Zugang“ werden. Schwierigkeiten entstehen oft nicht, weil jemand nicht kann – sondern weil die Bedingungen nicht passen. Wenn wir anfangen, das zu verstehen, verändert sich nicht nur das Lernen – sondern auch das Selbstbild.
Denn anders zu sein bedeutet nicht, falsch zu sein. Es bedeutet, auf eine andere Weise richtig zu sein
Entwicklung braucht Raum, Zeit und Vertrauen
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