Warum dein Kind nicht faul ist, sondern erschöpft
Legasthenie und Dyskalkulie verstehen
Viele Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie wirken beim Lernen unkonzentriert, blockiert oder schnell frustriert. Oft entsteht der Eindruck, sie würden sich nicht genug anstrengen oder einfach nicht wollen.
Doch hinter diesem Verhalten steckt häufig etwas anderes: Erschöpfung.
Denn beim Lesen, Schreiben oder Rechnen muss das Gehirn viele Prozesse gleichzeitig koordinieren. Wenn dieser Informationsaustausch mehr Energie kostet, werden Aufgaben schneller anstrengend – auch dann, wenn das Kind grundsätzlich alles mitbringt, um sie zu bewältigen.
In diesem Video erfährst du, was im Gehirn passiert, warum die Schwierigkeiten nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun haben, und wie Unterstützung aussehen kann, die wirklich hilft.
Manchmal ist Lesen leichter als Zuhören – hier findest du das Video in Textform
Viele Eltern tragen Gedanken mit sich herum wie diese: „Mein Kind könnte so viel mehr, wenn es nur endlich mal wollen würde. Es schiebt Aufgaben vor sich her. Es verliert schnell die Konzentration. Es wirkt genervt. Es blockiert nach kurzer Zeit.“
Doch oft stimmt die Schlussfolgerung nicht. Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie sind in der Regel nicht faul. Sie sind häufig erschöpft. Nicht, weil sie weniger können, sondern weil ihr Gehirn für einige Aufgaben extrem viel arbeiten muss. Aber warum?
Bei sämtlichen Aktionen, so auch beim Lesen, Schreiben oder Rechnen ist nie nur ein einzelner Bereich im Gehirn aktiv. Viele Bereiche müssen zusammenarbeiten und Informationen schnellstmöglich austauschen, damit Lesen, Schreiben oder Rechnen flüssig funktioniert. Beim Lesen erkennt ein Bereich beispielsweise die Buchstaben, ein anderer verbindet Buchstaben mit Lauten, ein weiterer versteht die Bedeutung und wieder ein anderer hält Aufmerksamkeit und Konzentration. Beim Rechnen ist es ganz ähnlich: Zahlen erkennen, Mengen einschätzen, Rechenschritte merken, Ergebnisse überprüfen. All das wird von verschiedenen Bereichen im Gehirn übernommen, die über zahlreiche Verbindungswege alle nötigen Informationen miteinander austauschen. Sind diese Wege gut ausgebaut, die Bereiche also neuronal gut vernetzt, können Informationen schnell und effizient weitergegeben werden.
Bei Menschen mit Legasthenie oder Dyskalkulie sind diese Verbindungswege jedoch häufig nicht so gut ausgebaut, Informationen können also nicht so schnell ausgetauscht werden. So kann es passieren, dass ein Buchstabe zwar schnell erkannt wird, aber der passende Laut nicht sofort abrufbar ist. Oder aber eine Rechenaufgabe verstanden wird, beim Lösen der Aufgabe aber der Überblick verloren geht. Das bedeutet also nicht, dass die betroffene Person weniger intelligent ist, sondern einfach nur, dass der Informationsaustausch verlangsamt ist und mehr Kraft kostet. Während die Verbindungswege zwischen weit entfernten Gehirnarealen also oftmals nicht so gut ausgebaut sind, sind die Verbindungen innerhalb einzelner Gehirnareale im Gegensatz dazu häufig sehr gut ausgebaut. Deshalb zeigen Betroffene oft besondere Stärken beim Erkennen von sich wiederholenden Mustern, der Wahrnehmung von Details, beim visuellen Denken und bei kreativen Lösungswegen.
Aber wie genau funktioniert der Informationsaustausch eigentlich?
Zoomen wir noch etwas weiter in das Gehirn herein, stellen wir fest, dass der Informationsaustausch über Milliarden von Nervenzellen erfolgt. Diese sind über sogenannte Synapsen miteinander verbunden. Die Synapsen bestimmen also, wie schnell, sicher und automatisch Informationen von einer Nervenzelle an die nächste weitergegeben werden.
Bei Menschen mit Legasthenie und Dyskalkulie kann sowohl die Dichte der Nervenzellen als auch die Dichte der Synapsen in einzelnen Gehirnregionen verändert sein. Dies hat zur Folge, dass Prozesse schwerer automatisiert werden und Lernen mehr Kraft kostet. Was andere nahezu automatisch tun, wie bspw. flüssiges Lesen, schnelles Abrufen der Rechtschreibung, Erinnern des Einmaleins usw., kostet Menschen mit Legasthenie oder Dyskalkulie aktive Energie. Und genau deshalb erleben viele Betroffene nach kurzer Zeit Frust, Wut, Tränen oder Vermeidung. Von außen wirkt das oft wie Unlust, ist jedoch häufig innere Überforderung und Erschöpfung.
Die gute Nachricht: Das Gehirn ist ein Leben lang veränderbar und lernfähig. Verbindungen können stärker werden. Abläufe können sicherer werden. Neue Strategien können entstehen. Diese Veränderbarkeit unseres Gehirns bezeichnen wir auch als Neuroplastizität. Sie ist abhängig von Wiederholung und Aktivierung. Je häufiger Verbindungswege genutzt werden, desto effizienter wird der Informationsfluss über diese Wege. Ungenutzte Verbindungswege werden entsprechend zunehmend geschwächt und schwieriger abrufbar. Es scheint also wichtig zu sein, bestimmte Dinge regelmäßig zu wiederholen. Allerdings ist Wiederholung nicht gleich Wiederholung. Wenn ein Kind immer wieder dieselbe Aufgabe macht, dabei überfordert ist, Fehler sammelt und Stress erlebt, wird nicht nur der Inhalt wiederholt, sondern gleichzeitig auch die Gefühle von Frust, Anspannung, Vermeidung und „Ich kann das nicht“ mittrainiert. Dann üben wir zwar viel, aber nicht unbedingt hilfreich. Was hilft also wirklich?
Erfolgswahrscheinlichkeiten erhöhen. Viele glauben, Fehler machen härtet ab. Doch zu viele Fehler können das Nervensystem überlasten. Deshalb hilft es oft, leichter zu starten, begleitet zu üben, Schritte zu vereinfachen und frühe Erfolgserlebnisse zu schaffen. Das nennen wir fehlerarmes Lernen. Es bedeutet nicht, Fehler zu vermeiden, sondern das Gehirn nicht ständig in Überforderung zu schicken.
Auch das Lernen über mehrere Sinne ist hilfreich, denn je mehr Sinne beteiligt sind, desto mehr Zugänge entstehen. Bei Legasthenie kann das bedeuten: Silben klatschen, Wörter legen, Texte hören und mitlesen, Farben nutzen. Bei Dyskalkulie beispielsweise Mengen legen, Rechnen mit verschiedenen Materialien, Zahlen bewegen, Schritte laut sprechen.
Außerdem sollten wir kurze, regelmäßige Wiederholungen nutzen statt einen Lern-Marathon einzulegen, denn das Gehirn lernt oft besser durch kleine Einheiten. Lieber 10 Minuten täglich statt 1 Stunde einmal pro Woche.
Emotionen sollten ebenfalls mitgedacht werden, denn ein Gehirn lernt besser, wenn es sich sicher fühlt. Das heißt weniger Druck, weniger Vergleiche, weniger Beschämung, stattdessen mehr Beziehung, mehr Ermutigung, mehr realistische Schritte.
Wir können also festhalten: Das Gehirn kann sich durch Erfahrung, Übung und Umwelt ein Leben lang verändern. Wichtig dabei ist: Wenn wir sagen, das Gehirn ist veränderbar, meinen wir nicht, dass Neurodivergenz „wegtrainiert“ werden muss. Neuroplastizität bedeutet nicht, ein Kind passend zu machen. Sie bedeutet, dem Gehirn zu helfen, eigene stärkere Wege aufzubauen. Nicht Anderssein beseitigen, sondern Entwicklung ermöglichen. Kein anderes Gehirn erschaffen, sondern das vorhandene Gehirn bestmöglich unterstützen.
Die wichtigste Botschaft also: Legasthenie und Dyskalkulie sind oft kein Zeichen mangelnder Intelligenz. Sie zeigen häufig nur: Dieses Gehirn verarbeitet Informationen anders.
Und echte Unterstützung beginnt dort, wo wir nicht mehr fragen „Warum will mein Kind nicht?“, sondern „Was braucht dieses Gehirn, um zeigen zu können, was längst da ist?“
Entwicklung braucht Raum, Zeit und Vertrauen
Wenn du dir Unterstützung für dich oder dein Kind wünschst, bin ich gerne an eurer Seite.
Melde dich – ich freue mich darauf, dich kennenzulernen.